Zum Inhalt springen

Bare Münze Beiträge

Der «homo oeconomicus» auf der einsamen Insel

Der Mensch handelt stets zu seinem Vorteil: Der «Homo oeconomicus» ist ein rationaler Egozentriker. Dass er die Menschen auf eine Horde von Egoisten reduziert, ist dagegen ein Missverständnis.

Alexander Selkirk war Schotte, Seeräuber, ein hitzköpfiger Säufer und ein übler Schläger. Nach einem Dauerstreit mit seinem Käptn wurde Selkirk 1704 auf der Pazifikinsel Más a Tierra ausgesetzt, mit etwas Bettzeug, einem Messer, einem Beil, Navigationsbesteck, einem Gewehr, einem Topf, Tabak und einer Bibel. Vier Jahre und vier Monate lang harrte Selkirk auf der Insel aus, bis er am 2. Februar 1709 schliesslich gerettet wurde. Die Geschichte machte in England die Runde, und Selkirks Schicksal hielt Einzug in die Weltliteratur: Robinson Crusoe, erschaffen von Daniel Defoe in dessen gleichnamigem Roman von 1719, ist ein «homo oeconomicus» der ersten Stunde.

Menschen, schreibt 1921 der Berliner Philosoph Eduard Spranger in seinem Hauptwerk «Lebensformen», liessen sich in verschiedene «Idealtypen der Individualität» einteilen. Da gebe es den religiösen Menschen, den ästhetischen, den sozialen, politischen, theoretischen und den ökonomischen Menschen.

Der ökonomische Mensch im allgemeinsten Sinne,

schreibt Spranger,

ist derjenige, der in allen Lebensbeziehungen den Nützlichkeitswert voranstellt. Alles wird für ihn zu Mitteln der Lebenserhaltung, des naturhaften Kampfes ums Dasein und der angenehmen Lebensgestaltung. Er verfährt sparsam mit dem Stoff, mit der Kraft, mit dem Raum, mit der Zeit, um ihnen ein Maximum nützlicher Wirkungen für sich abzugewinnen.

Dabei ist der ökonomische Mensch ungemein effizient: Sich nach dem «Prinzip des kleinsten Kraftaufwandes» zu verhalten, setzt laut Spranger Anpassungsfähigkeit, Klugheit, praktisches Handeln und Innovationsgeist voraus. Beim ökonomischen Menschen kann sich Spranger auf namhafte Vordenker berufen: Schon 1888 hat der irische Ökonom und Dichter John Kells Ingram den «economic man» beschrieben, und Vilfredo Pareto, der Erfinder des gleichnamigen 80-zu-20-Prinzips (80 Prozent des Ertrags lassen sich mit nur 20 Prozent des Aufwandes erzielen; dagegen erfordern die restlichen 20 Ertragsprozente volle 80 Prozent des Aufwandes), hat in Anspielung auf den «homo sapiens» 1906 als erster den Begriff des «homo oeconomicus» geprägt.

Der ökonomische Mensch ist ein eigennütziger, aber rationaler und gut informierter Akteur. In der Wissenschaft oft «rationaler Agent» genannt, verfolgt er als Konsument das Ziel einer Nutzen-, als Produzent das einer Gewinnmaximierung. Der «homo oeconomicus» ist zwar Grundlage vieler volkswirtschaftlicher Modelle, aber seine Überzeichnung als Archetyp des Egoisten wurde zu allen Zeiten kontrovers diskutiert. Heute hat sich ein differenzierterer Blick durchgesetzt. Der «homo oeconomicus» ist weder Menschenbild noch Doktrin, sondern vielmehr ein abstraktes Instrument der Wissenschaft, das dazu dient, ökonomische Gesetzmässigkeiten zu erforschen.

Die Nutzentheorie versucht, den ökonomischen Menschen als Akteur darzustellen, der erwartete Folgen seines Handelns rational gegeneinander abwägen kann, um dann so vorzugehen, dass sein Tun die meisten aus seiner Sicht positiven Folgen erwarten lässt. Dieses Abwägen lässt sich durch komplizierte mathematische Nutzenfunktionen abbilden. Die abgeleiteten Modelle aber stossen immer wieder an Grenzen: Was genau ist «Nutzen»? Persönliches Wohlergehen? Das der ganzen Welt? Kann Nutzen im Informationszeitalter noch derselbe sein wie in der Industrialisierung? Wie verhält es sich bei Entscheidungen, die sich erst in ungewisser Zukunft auswirken, etwa wenn es darum geht, eine Lebensversicherung abzuschliessen? Wie lassen sich Akteure beschreiben, die nicht auf der Basis von Wissen und Voraussagen handeln, sondern gänzlich irrational?

Auch wenn sich das urmenschliche Streben, aus eigenem Handeln möglichst viel Gewinn zu ziehen, nicht gänzlich vom Tisch wischen lässt: Untersuchungen zu bestimmten Situationen widerlegen das Konzept des «homo oeconomicus» immer wieder. Auch Ur-Robinson Selkirk fand sein Glück nicht. Einmal gerettet, wurde er zwar als Seeräuber ein reicher Mann, aber Zeitgenossen zitieren ihn mit den Worten: «Ich habe jetzt 800 Pfund, doch nie wieder werde ich so glücklich sein wie damals, als ich keinen Viertelpenny besass.»

Kommentare geschlossen

Bare Münze: Das Buch

Bare Münze – Gallier und heilige Gänse: Was es über Geld zu wissen gibt (eBook), erschienen im Basler Verlag Johannes Petri, ist ein Buch mit Geschichte und Geschichten rund um das Thema Geld. Die Beiträge richten sich an all jene, die ihr Geld nicht bloss ausgeben, sondern mehr darüber wissen wollen. Amüsantes, Nützliches, Erstaunliches aus der Welt der Finanzen: Bare Münze, gebunden und reich illustriert, bietet überraschende Einblicke in Banken, Tresore, Schatullen, Brieftaschen und Geldbeutel dieser Welt.

Bestellen

Kommentare geschlossen

Das Milliardengeschäft, das beinah keines geworden wäre

Der Computer führt Buch über unser Hab und Gut: Ohne ihn wechselt kein Franken, kein Euro, kein Dollar seinen Besitzer. Kaum zu glauben, dass die Erfindung des Mikrochips um ein Haar untergegangen wäre.

Kommentare geschlossen

Ich bin der Grösste: Der Dunning-Kruger-Effekt

Dumme Menschen, so behaupten die beiden Forscher David Dunning und Justin Kruger, überschätzen sich, weil sie nicht wissen, was sie nicht wissen. Das gilt für die Politik, und es gilt auch für den Börsenhandel.

Kommentare geschlossen

Wertpapier zum Aufkleben

Wer von Papiergeld spricht, meint Banknoten – und vergisst dabei prompt deren kleine Schwestern, die Briefmarken. Die erste Marke der Welt kam aus Grossbritannien; schon die zweite aus der Schweiz.

Kommentare geschlossen

Wie die New Yorker Börse die Konfetti erfand

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen, und dabei dürfen Konfetti nicht fehlen. Das Wort kommt aus Italien, aber tatsächlich stammen die Papierschnipsel von der Wall Street.

Kommentare geschlossen